Gradtagszahlen: Heizkosten fair aufteilen, wenn Messwerte fehlen.
Mieterwechsel ohne Zwischenablesung, defekter Zähler — dann helfen Gradtagszahlen: eine anerkannte Methode, den Heizverbrauch nach dem Klimaverlauf des Jahres zu verteilen.
Was Gradtagszahlen sind
Gradtagszahlen sind ein Maß für den Heizbedarf eines Zeitraums: Sie bilden ab, wie kalt es an wie vielen Tagen war — je kälter und je länger, desto höher die Zahl. Auf dieser Basis lässt sich der Jahresheizverbrauch eines Hauses plausibel auf Monate verteilen, ohne dass für jeden Monat ein Messwert vorliegt. Die in der Praxis verwendeten Tabellen — etabliert nach dem Prinzip der einschlägigen VDI-Regeln — weisen jedem Monat einen Promille-Anteil am Jahresheizbedarf zu.
Die Logik dahinter ist eingängig: Die Wintermonate tragen den Löwenanteil des Jahresverbrauchs, die Übergangsmonate deutlich weniger, und die Sommermonate praktisch nichts. Warmwasser folgt dieser Kurve ausdrücklich nicht — es wird ganzjährig gleichmäßig verbraucht und daher zeitanteilig aufgeteilt.
Woher die Zahlen kommen
Grundlage der Tabellen sind langjährige Wetteraufzeichnungen: Für jeden Tag, an dem die Außentemperatur unter der Heizgrenze liegt, wird die Differenz zwischen einer normierten Innentemperatur und der Tagesmitteltemperatur gebildet — die Summe dieser Differenzen über einen Monat ergibt dessen Gradtagszahl. Für die Heizkostenabrechnung genügt die standardisierte Promille-Tabelle des langjährigen Mittels; sie ist bewusst pauschal, damit alle Beteiligten mit denselben, überprüfbaren Werten rechnen und nicht über das konkrete Wetter des Einzeljahres streiten.
Anwendungsfall 1: Mieterwechsel ohne Zwischenablesung
Zieht ein Mieter mitten im Abrechnungsjahr aus und wurde keine Zwischenablesung gemacht, musst du seinen Anteil am Jahresverbrauch der Wohnung rechnerisch bestimmen. Für die Heizkosten geschieht das über die Gradtagszahlen: Du addierst die Promille-Anteile der Monate seiner Nutzungszeit und erhältst so seinen Anteil am Jahres-Heizverbrauch der Wohnung. Ein Auszug Ende April erfasst damit korrekt den teuren Winter — eine schlichte Aufteilung nach Kalendertagen würde den Sommer-Nachmieter massiv benachteiligen.
Die Grundkosten (der flächenbasierte Anteil der Abrechnung) werden dagegen einfach zeitanteilig nach Tagen aufgeteilt, ebenso der Warmwasserverbrauch, wenn keine Zwischenablesung vorliegt.
Anwendungsfall 2: Zählerausfall und Schätzung nach §9a HKVO
Fällt ein Erfassungsgerät aus oder kann ein Wert aus zwingenden Gründen nicht abgelesen werden, erlaubt §9a HKVO die Schätzung des Verbrauchs — auf drei Wegen: nach dem Verbrauch der betroffenen Räume in vergleichbaren früheren Zeiträumen, nach dem Verbrauch vergleichbarer anderer Räume im selben Zeitraum oder eben anhand der Gradtagszahlen. Die Methode sollte zum Fall passen: Für eine einzelne Wohnung mit Vorjahreshistorie ist der Vorjahresvergleich meist am überzeugendsten, die Gradtagszahlen helfen vor allem bei unterjährigen Lücken.
Die 25-Prozent-Grenze
Schätzen ist die Ausnahme und bleibt begrenzt: Übersteigt die geschätzte Fläche 25 Prozent der Gesamtwohnfläche, gilt die Abrechnung insgesamt nicht mehr als verbrauchsabhängig — und der Mieter kann nach §12 HKVO 15 Prozent kürzen. Fallen also viele Geräte gleichzeitig aus, etwa durch leere Batterien einer ganzen Gerätegeneration, ist schnelles Handeln gefragt, bevor die Abrechnungsperiode endet.
So rechnest du mit Gradtagszahlen — Schritt für Schritt
- Nutzungszeitraum bestimmen: Ein- und Auszugsdatum bzw. Ausfallzeitraum des Geräts
- Promille-Anteile der betroffenen Monate aus der Gradtagszahlentabelle addieren
- Jahresverbrauch der Wohnung mit diesem Anteil multiplizieren — das ist der geschätzte Zeitraum-Verbrauch
- Schätzung in der Abrechnung kenntlich machen: Mieter müssen erkennen können, dass und wie geschätzt wurde
- Grundkosten und Warmwasser zeitanteilig aufteilen, nicht nach Gradtagen
Besser als schätzen: die Zwischenablesung
Gradtagszahlen sind eine Krücke — eine gute, aber eine Krücke. Mit fernablesbaren Geräten, die ohnehin bis Ende 2026 Pflicht werden, gibt es Monats- und Stichtagswerte automatisch: Beim Mieterwechsel liegt der Zwischenstand dann einfach vor, und geschätzt werden muss gar nicht mehr. Bis dahin gilt: Bei jedem Auszug eine Zwischenablesung beauftragen oder selbst dokumentieren — die Kosten dafür sind überschaubar im Vergleich zum Streitpotenzial einer Schätzung.
Mieterwechsel automatisch fair abrechnen
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Häufige Fragen
Was sind Gradtagszahlen einfach erklärt?
Ein Maß für den Heizbedarf je Zeitraum: Jedem Monat wird ein Anteil am Jahresheizverbrauch zugewiesen — Wintermonate viel, Sommermonate fast nichts. Damit lassen sich Heizkosten ohne Messwerte plausibel auf Zeiträume verteilen.
Wann darf ich Heizkosten nach Gradtagszahlen aufteilen?
Vor allem beim Mieterwechsel ohne Zwischenablesung und bei der Verbrauchsschätzung nach §9a HKVO, etwa bei Zählerausfall. Die Schätzung darf höchstens 25 Prozent der Gesamtfläche betreffen.
Wird auch Warmwasser nach Gradtagszahlen aufgeteilt?
Nein. Warmwasser wird ganzjährig gleichmäßig verbraucht und deshalb zeitanteilig nach Tagen aufgeteilt. Gradtagszahlen gelten nur für die witterungsabhängige Heizwärme.
Was passiert, wenn zu viel geschätzt wird?
Übersteigt die geschätzte Fläche 25 Prozent der Gesamtwohnfläche, gilt die Abrechnung nicht mehr als verbrauchsabhängig — der Mieter kann dann nach §12 HKVO 15 Prozent seines Heizkostenanteils kürzen.